Mit Blitz und Witz
Dies & Das
Seit 18 Jahren bringt Andaleeb Lilley in Zug englischsprachige Stand-up-Comedy auf die Bühne. Doch die engagierte Fotografin hat noch mehr Projekte im Köcher.
Zug – Dieser Artikel erschien in der April-Ausgabe 2025. Hier geht es zu den weiteren Artikeln.
Draussen herrscht bissige Kälte an dem Dienstag Ende Februar. Auf der kleinen Bühne im Restaurant des Theaters Casino Zug aber ist es bissiger Humor, der das Publikum ins Schwitzen bringt. Mit Schalk und Charme führt Andaleeb Lilley durch das «English Stand-up Comedy»-Programm und schafft einen Rahmen für die zwei Comedians, die an dem Abend mächtig aufdrehen.
Als Erstes tritt John Meagher auf. Der «next great Irish comedian», wie ihn das «Rolling Stone Magazine» anpreist, steigt mit einem derben Spruch zu den Wahlen ein: Die Rückkehr der Nazis sei aus Schweizer Sicht ja erfreulich, daran könne man hier sicher bald wieder viel verdienen. Das Publikum lacht schallend, auch wenn sich manche mit einem Blick zum Nachbarn zuerst vergewissern, dass man darüber wirklich lachen darf. Man darf. Man darf hier über sehr vieles lachen, obwohl die Grenzen des guten Geschmacks auch gerne mal geritzt werden. John Meagher spürt exakt, wie viel er dem Publikum zumuten kann, drückt aufs Gas und bremst genau dort wieder, wo die Gäste den Faden verlieren würden – oder den Humor.
«Wir sind hier nicht in einer Bar in Glasgow, sondern im Theater Casino Zug», sagt Andaleeb Lilley. Sie weiss genau, wie wichtig ein gutes Gespür für Lokalität und Publikum ist, welche Themen in der Zentralschweiz funktionieren. «Es darf nicht zu politisch sein, nicht zu derb, vieles rund um Liebe und Beziehungen funktioniert sehr gut», sagt sie. «‹Observational comedy› eben», fügt sie an – Programme also, die den Alltag scharfsinnig beobachten und mit Verve auf den Punkt bringen.
Aus Spanien importiert
Seit 18 Jahren bringt Andaleeb Lilley in der Schweiz englischsprachige Stand-up-Comedy auf die Bühne. «Die Idee habe ich von meinem Bruder, der in Spanien etwas Ähnliches gemacht hat», erzählt sie. Doch während sich dieser bald anderen Projekten widmete, blieb Andaleeb Lilley hartnäckig dran. Anfangs habe sie parallel auch in Luzern und Zürich programmiert, in Zug fanden die ersten Shows im Theater im Burgbachkeller statt, später in der Chicago-Bar. Vor Jahren bot ihr das Theater Casino Zug dann eine Zusammenarbeit an, seither ist sie dort für die Reihe «English Stand-up Comedy» zuständig. Anfangs habe sie mit Agenturen gearbeitet, inzwischen ist ihr Netzwerk so gross, dass sie direkt auf die Künstler*innen zugeht. «Die Pandemie hat viele Abläufe im Booking nachhaltig verändert», gibt sie zusätzlich zu bedenken. Und erzählt stolz, wie sie die Comedy-Abende Covid zum Trotz durchgezogen hat – zwischendurch mit Masken und viel Abstand, aber immer mit Herzblut.
Eine waschechte Schweizerin
Überhaupt macht Andaleeb Lilley alles, was sie anpackt, mit Leidenschaft und aus Überzeugung. «Sie engagiert sich so sehr für die Gemeinschaft», sagt mein Sitznachbar Kai im Theater Casino Zug, kurz bevor die Show losgeht. Begeistert erzählt er von Benefizveranstaltungen, die sie auf die Beine gestellt hat, und davon, dass sie in Zug einfach alle kenne – und ein Gespür dafür habe, die richtigen Leute zu vernetzen. Wie viele Menschen im Publikum ist Kai nicht in der Schweiz geboren. Mike Rice, der zweite Stand-up-Act des Abends, fragt sich durch die Reihen: Da sind neben Schweizer*innen auch Menschen aus Griechenland und Deutschland, aus Simbabwe und Finnland, Australien und den USA. Viele sind typische Expats: hochspezialisierte Expert*innen, die für ein paar Jahre in Zug arbeiten, bevor sie die Arbeit weitertreibt. Andaleeb Lilley ist keine von ihnen. Tatsächlich ist sie gebürtige Schweizerin; das Bürgerrecht hat sie von ihrer Mutter geerbt. Diese zog es in jungen Jahren als Au-pair aus der Zentralschweiz nach London. Die abenteuerlustige Nidwaldnerin verliebte sich dort, gründete eine Familie und blieb in England. Tochter Andaleeb jedoch kannte die Schweiz dank regelmässiger Besuche bei den Grosseltern schon als Kind. Von ihrem Vater, der ursprünglich aus Pakistan stammt, hat Andaleeb Lilley die (eigentlich) tiefschwarzen Haare geerbt. Ihr Aufwachsen, das durch unterschiedlichste kulturelle Einflüsse geprägt war, hat Andaleeb Lilley zu einem neugierigen Menschen werden lassen, der überall schnell Kontakte knüpft.
Begeistert erzählt sie zum Beispiel von ihrem Studienaufenthalt in Russland, rund vier Monate lang bereiste sie das Land. Weil sie in der Schule eine Faszination für russische Geschichte entwickelt hatte, entschied sie sich Ende der 80er-Jahre für das Studium der englischen und russischen Literatur. Noch heute schwärmt sie von der Architektur in St. Petersburg, von eindrücklichen Theaterabenden, von wunderbaren Begegnungen mit «Babuschkas» und deren aufrichtigem Interesse an den Studierenden aus England. Nach ihrem Abschluss in Wales zog es Andaleeb nach London, wo sie im Fundraising arbeitete, dann ging es für eine ausgedehnte Reise nach Südostasien. Anschliessend wollte sie auf der Klewenalp eigentlich bloss eine Saison im Service arbeiten – doch wie so oft in ihrem Leben ergab sich das eine aus dem anderen: Aus einer Bekanntschaft im Deutschkurs wurde ein Job bei der Fussball-WM 1998, aus der Freude am Fotografieren eine Tätigkeit, die sie inzwischen seit bald zwanzig Jahren professionell ausübt. Auf der Bühne stehen und einen Comedy-Abend anmoderieren – das kommt mir vor wie das pure Gegenteil zur Arbeit hinter der Linse. Doch Andaleeb macht mir klar: Beides erfordert, dass man schnell eine emotionale Verbindung mit dem Gegenüber aufbaut, spürt, wen man da vor sich hat. «Die Mutter ist todmüde, das eine Kind überdreht und das andere versteckt sich hinter dem Vater, der sich offensichtlich fragt, was er hier eigentlich soll», schildert Andaleeb Lilley den Start in ein Familien-Fotoshooting. Ihr Job ist es dann, alle einzeln abzuholen, aber auch zusammenzubringen. Dafür zu sorgen, dass am Schluss die ganze Familie Freude an den entstandenen Bildern hat.
Diese Herausforderung macht ihr Spass; egal, ob es schnell gehen muss – wie damals, als sie für eine internationale Schule mehrere Jahre lang jeweils 1300 Schüler*innen porträtierte – oder ob sie sich viel Zeit nimmt, um einen CEO ins perfekte Licht zu rücken.
Regelmässig setzt sie ihr Können für Anliegen ein, die ihr wichtig sind: Für «Herzensbilder» zum Beispiel fotografiert sie unentgeltlich Kinder, die kurz vor oder nach der Geburt gestorben sind. Sie schafft Erinnerungen an sehr schwere und gleichzeitig wertvolle Augenblicke, setzt Unsagbares ins Bild. Es sind Begegnungen, die nahegehen.
Unterwegs auch in Büchern
In allem, was Andaleeb Lilley tut, schwingt Grossherzigkeit mit, ein tiefes Interesse an Menschen und ihren Geschichten. Und auch: der Wille zu lernen, sich und ihre Sichtweisen weiterzuentwickeln. «Ich bin ein richtiger Self-Development-Junkie», sagt sie und lacht. Sie erzählt von der Coaching-Ausbildung, die sie gerade absolviert. Und über die Kinderbuchreihe, an der sie arbeitet. «Im Mittelpunkt der Geschichten steht eine kleine Eidechse, die verschiedene Städte erkundet», schildert sie das Konzept. Über Rom, Paris und Zürich hat sie schon geschrieben, nun sucht sie einen Verleger. Inspiriert haben sie dazu die gemeinsamen Reisen mit ihren zwei Kindern. Inzwischen sind sie Teenager, bald erwachsen. Auch wenn Andaleeb Lilley es geniesst, wieder mehr Zeit für sich zu haben: Sie liebt nichts mehr als die gemeinsame Zeit mit den beiden. Zusammen Wintersport treiben oder zu reisen, daraus schöpfe sie auch Kraft. Letztes Jahr erkundeten sie gemeinsam Japan und bereisten Pakistan. «Hier in Zug schimpfen sie jeweils mit mir, wenn ich unterwegs mit allen möglichen Leuten ins Gespräch komme», sagt Andaleeb Lilley. Ganz sicher sind die beiden gleichzeitig unheimlich stolz auf ihre Mutter, die mit Blitz und Witz so viele Menschen verbindet.
Text: Anna Chudozilov