Ein kunstaffiner Fürst auf Shoppingtour
Kunst & Baukultur
Dass eine respektable Zahl an Zeugen bester Zuger Glasmalerkunst einst nach Sachsen-Anhalt gelangt ist, mag zum einen bedauerlich sein. Zum anderen ist es aus heutiger Sicht auch eine glückliche Fügung, was den Erhalt der wertvollen Objekte betrifft.
Zug – Der Wörlitzer Park zwischen den Städten Dessau und Wittenberg in Sachsen-Anhalt gehört zu den bedeutendsten englischen Landschaftsgärten Europas und ist in seiner Form hauptsächlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740–1817) angelegt worden. Ab 1773 entstand nördlich vom Wörlitzer See, der Schloss und Stadt vom Hauptteil der Parklandschaft trennt, ein stattliches Gartengebäude in neugotischer Formensprache. Es gilt bis heute als eines der frühesten Beispiele dieses historisierenden Stils – der Fürst hatte damit den sich auf alte Epochen zurückbesinnenden Baustil des 19. Jahrhunderts quasi antizipiert, vielleicht sogar angestossen.
Dieses schlicht «Gotisches Haus» genannte Gartenschlösschen birgt besondere Zeugnisse von der grossen Kunstaffinität und Sammelleidenschaft des Fürsten: In den grossflächigen, gotisierenden Fenstern ist eine Fülle an kostbaren Buntglasscheiben verbaut. Eine grosse Anzahl davon stammt aus der Schweiz, darunter mindestens 24 Stück aus dem Kanton Zug. Man spricht heute von abgewandertem Kulturgut und mag es aus kulturhistorischer Sicht bedauern, dass so wertvolle Zeugen bester Zuger Glasmalerei in die Fremde gelangt sind. Doch tragen sie dort einen wesentlichen Teil zur Bedeutung des «Gotischen Hauses» als architektonisches Gesamtkunstwerk bei.
Kunst-Akquise in der Zentralschweiz
Wie aber sind die historischen Buntglasscheiben aus führenden Zuger Werkstätten in das ostdeutsche Gartenschloss gelangt? Ab 1785 nutzte der Fürst das «Gotische Haus», nachdem es in erster Linie vom Hofgärtner bewohnt worden war, mehrheitlich für sich selbst und die Unterbringung seiner wachsenden Kunstsammlung. Der Hochadlige hatte ein besonderes Faible für die Glasmalerkunst und trug die wertvollsten Stücke zusammen, deren er irgendwie habhaft werden konnte.
Auf seinen ausgedehnten Reisen hielt der Fürst stets Ausschau nach Kaufgelegenheiten. 1782 besuchte Leopold III. Zürich, ein damals bei betuchten Reisenden beliebtes Ziel. Hier begegnete der Fürst ein erstes Mal dem angesehenen Philosophen und Schriftsteller Johann Caspar Lavater (1741–1801), der bekannt war für seine Beziehungen in höchste Kunstkreise, unter anderem zum Maler Georg Friedrich Schmoll, welcher einen namhaften Beitrag zu Lavaters wichtigstem Werk «Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnisse und Menschenliebe» beigesteuert hatte.
Mit der vermittelnden Unterstützung Lavaters gelang es dem Fürsten bei einem weiteren Besuch in der Schweiz im Folgejahr, eine grosse Anzahl hochwertiger Glasgemälde aus dem 16. und 17. Jahrhundert anzukaufen – über 100 Stück sollen es insgesamt gewesen sein. Die meisten davon stammten aus Zürich, viele auch aus dem Kloster Wettingen und weiteren Orten im Aargau und der Zentralschweiz, wohin der adlige Deutsche seine Einkaufstour» ausgeweitet hatte. Hierbei dürfte er die Gelegenheit erhalten haben, besagte 24 Zuger Scheiben zu erwerben – wohl ebenfalls durch Vermittlung Lavaters.
Repräsentative Müller-Scheiben
In Wörlitz veranlasste Fürst Leopold die aufwendige Verbauung der kostbaren Glasgemälde in die grossen Fenster des «Gotischen Hauses», thematisch mitunter auch farblich und zeitlich geordnet in unterschiedlichen Kabinetten. Als Vorbild hierfür dürfte dem Fürsten das Strawberry Hill House bei London gedient haben, welches er auf einer seiner Englandreisen besucht hatte.
17 der 24 Zuger Scheiben in Wörlitz stammen aus der Werkstatt von Michael Müller (1627–1682), Spross der Zuger Glasmalerdynastie Müller und einer der Schaffenskräftigsten seines Metiers jener Zeit. Dessen älteste mit Sicherheit ihm zuzuschreibende Glasscheibe stammt aus dem Jahr 1649 und gehört zu den nach Wörlitz gelangten Müller-Scheiben.
Es ist ein grosses Glück, dass die kostbaren Zuger Buntglasfenster wie auch alle anderen aus dem Besitz Leopolds III. sämtliche Kriege der vergangenen 240 Jahre unbeschadet überstanden haben. Vielleicht ist es ferner auch eine glückliche Fügung, dass all diese Scheiben in die Hände eines umsichtigen Kunstliebhabers wie Leopold III. gelangt sind, der ihnen einen festen, unverrückbaren Platz zugewiesen und sie somit davor bewahrt hat, entweder über den Kunsthandel dereinst in alle Winde verstreut zu werden oder gar verloren zu gehen. Immerhin erblühte Leopolds III. Leidenschaft für Glasgemälde in einer Zeit, als dieses Handwerk wenig Popularität genoss.
(Text: Andreas Faessler)