Von Virtuosen und Grünschnäbeln
Dies & Das
Der «Schräge Mittwoch» hat in der Zuger Kulturszene einen besonderen Platz. Hier weiss selbst die Veranstalterin selten, was diesmal auf das Publikum zukommt.
Zug – Dieser Artikel erschien in der April-Ausgabe 2025. Hier geht es zu den weiteren Artikeln.
Jeden Frühling wird es in Zug noch schräger, als es sonst schon ist. Schuld daran trägt ein ganz besonderes Format, das im nächsten Jahr tatsächlich bereits seinen 25. Geburtstag feiert. Der «Schräge Mittwoch» wurde von Maria Greco, der Sprecherin, Autorin und Zuger Kulturtausendsassa, gedanklich und organisatorisch geboren und seither gehegt und gepflegt.
Am Anfang aber stand da der «Böse Montag», ein Format in Zürich, zu dem kreative Menschen anreisten, um das Publikum mit ihren Geschichten, Sprüchen und seltsamen Ideen zu unterhalten. «Und der Name war da wirklich Programm», erinnert sich Maria Greco an die offene Bühne, bei der sie auch gerne selber antrat. Genauso ist der Name nun Programm bei dem Format, das Greco in ihrem Heimatkanton aufgezogen hat. Eine Wundertüte, nennt sie den Abend. Denn auf der Bühne treten neben international bekannten Kabarettistinnen und lokalen Kulturtäter*innen auch absolute Laien auf. «Die einen probieren etwas zum ersten Mal auf der Bühne aus und alle sind sprachlos darüber, wie super es funktioniert», berichtet Greco. «Andere stehen mit ihrem Auftritt an und man wünscht sich auch mal, es wäre möglich, im Boden zu versinken», ergänzt die Veranstalterin lachend. «Manchmal bleibt einem der Mund offen stehen, weil etwas so toll ist oder weil man überraschenderweise mit richtig grossen Namen beehrt wird.» Oft kommen Künstler*innen vorbei, um etwas bisher Ungezeigtes vor Publikum auszuprobieren – ein sogenanntes Try-out. Im Publikum sitzen deshalb auch öfter Mitglieder aus Kulturkommissionen oder Veranstalter*innen von anderen Kleinkunstbühnen, die sich ansehen, wer und was gerade so unterwegs ist. «Mir wurde schon mehrfach gesagt, das Format sei eine Art Mini-Künstlerbörse», sagt Maria Greco nicht ohne Stolz.
Regelmässig, aber doch exklusiv
Maria Greco steht beim «Schrägen Mittwoch» – abgesehen von den Danksagungen und den Ankündigungen der nächsten Ausgaben – selbst nicht auf der Bühne. Obwohl sie seit Jahrzehnten regelmässig an diversen Orten auftritt und eigene Formate und Stadtführungen entwickelt hat – hier hält sie sich hinter der Bühne. «Ich will das auch nicht vermischen und mich hier nicht selbst veranstalten. Ich möchte anderen Künstler*innen eine Plattform bieten, um sich zu zeigen und sich auszuprobieren», sagt sie. Zudem sei es definitiv Arbeit genug – auch wenn der «Schräge Mittwoch» nicht das ganze Jahr über, sondern immer nur im Frühling über fünf Abende stattfindet. Maria Greco ist überzeugt, dass das eines der Erfolgsgeheimnisse des Formats ist: «Würden wir es einmal im Monat durchführen, wäre wohl bald die Luft raus. So aber behält es eine gewisse Exklusivität.» Schon die erste Ausgabe im Jahr 2002 habe voll eingeschlagen. Nächstes Jahr jedenfalls feiert der «Schräge Mittwoch» sein Viertel-Jahrhundert-Jubiläum – 18 Jahre auf der Bühne der Burgbachkellers, 7 Jahre in der Galvanik. Die Zeitspanne beweist nicht nur Maria Grecos Commitment und Durchhaltevermögen, sondern ist auch Zeichen dafür, dass das Format nicht nur ein treues Stammpublikum aufgebaut hat, sondern auch für die auftretenden Künstler*innen eine beständige, bekannte und beliebte Plattform ist.
Wiederholungstäter*innen gibt es auch bei der Moderation so einige. Hier hat Maria Greco einen Pool von Leuten aufgebaut, die auf der Bühne eben genau das bieten, was der «Schräge Mittwoch» braucht: Flexibilität, Spontaneität und Schlagfertigkeit. Die Fähigkeit, heikle Situationen zu entschärfen, aber auch die Empathie, um mal Peinlichkeiten aufzufangen. Denn beim «Schrägen Mittwoch» kann (beinahe) alles passieren. Aber lassen wir doch besser die zu Wort kommen, die eben schlagfertig genug sind, beim wilden Ritt auf diesem Format die Zügel in den Händen zu behalten – die Moderator*innen.
Bereit für die Sackmesser-Schluck-Karriere
«Rasante Jonglage, virtuoses Akkordeonspiel, atemberaubende Artistik, überraschende Comedy, epische Gedichte – das alles und noch viel mehr im Zehn-Minuten-Takt.» Thomas Lötscher aka Veri ist überzeugt, dass besonders die Abwechslung den «Schrägen Mittwoch» so einzigartig fürs Publikum macht. Einzigartig für die Künstler*innen sei auch die Atmosphäre hinter der Bühne. «Denn so unterschiedlich, wie die Darbietungen sind, so unterschiedlich sind auch die Menschen. Viele haben ein besonderes Talent, eine über Jahre ausgebaute Fähigkeit. Manche haben auch nur eine Idee, einen Traum – und einen Chratten voll Mut. Wir lachen und plaudern in der Garderobe, teilen Lampenfieber und kaltes Buffet, verfolgen dicht gedrängt hinter dem Vorhang die gerade laufende Performance und gönnen einander den Applaus», sagt Lötscher und wirft gleich noch eine Aufforderung in den Raum: «Du willst diese Faszination zwischen Euphorie und Blamagenangst einmal selbst erleben? Dann schnüre die Tanzschuhe, stimme deine Gitarre oder bastle dir Pointen aus deinem Alltag – und melde dich einfach an! Als Moderator schlage ich dir gerne eine Brücke zum Publikum, fange den Moment auf, wenn etwas schiefgeht, und freue mich mit dir beim Abklatschen am Bühnenrand.» Also nichts wie los. «Vielleicht sollte ich selbst beim ‹Schrägen Mittwoch› noch einmal mit etwas Neuem ganz von vorne beginnen», überlegt der Kabarettist. «Den Lappitanz schwyzerörgeln. Oder meine Schwertschluckerkarriere mit dem spektakulären Runterwürgen eines Sackmessers lancieren. Josy meinte, das Üben könne ich mir sparen. Und mein Bauch – in der Galvanik auch von den hintersten Plätzen gut sichtbar – liesse sich mit einer geschickten Anmoderation bestimmt als voralpiner Bauchtanz verkaufen.» Na dann los!
Achtung wegen der Schoggistängeli!
Vor über zehn Jahren stand auch Helena Danis aka Helenka s das erste Mal auf der Bühne des «Schrägen Mittwochs» im Burgbachkeller. Sie erinnert sich: «Wie so viele Briefkastenfirmen in Zug war auch ich einst völlig unbekannt. Damals verarbeitete ich meine osteuropäische Herkunft als singende Alleinunterhalterin Helenka Romantickova aus Slovensko. Offenbar überzeugend genug – denn viele im Publikum sprachen mich danach auf Hochdeutsch an. Mission completed? Irgendwie schon. Jedenfalls ergaben sich gleich weitere Engagements und ein paar Freundschaften mit anderen Künstler*innen, die bis heute bestehen. Try-out-Bühnen versprühen eine besondere Atmosphäre.» Sie liebe besonders das Gewusel vor der Show: «Aufgeregte Stimmung, hektisches Umziehen, letzte Textchecks. Es herrscht kreatives Chaos und der ewige Kampf gegen übermässigen Schoggistängeli-Konsum vom Catering-Buffet. Zum Glück passt die wunderbare Maria Greco immer gut auf uns auf. Ohne sie und den ‹Schrägen Mittwoch› wären viele Kleinkünstler*innen wohl bühnenlos – wären vielleicht nie gross rausgekommen oder zumindest grandios gescheitert.» Bald sei auch sie wieder zurück, sagt Helena Danis: «Damit ich nach dem Auftritt nicht mehr so zügig auf den Zug nach Bern muss, habe ich mir aber dieses Mal vorsorglich schon einen Briefkasten gemietet – zum Übernachten.»
Das Sprungbrett ins Wohnzimmer
Auch für Sergio Sardella war der «Schräge Mittwoch» eine gute Möglichkeit, sich in seinen Anfängen als Comedian auf der Bühne zu versuchen, um seine Wirkung auf das Publikum zu testen. Seit einigen Jahren darf er das Format nun auch als Moderator begleiten. «Im Vorfeld der Show lerne ich interessante Menschen kennen, treffe bekannte und unbekannte Gesichter, führe persönliche Gespräche und bereite mich damit für die Moderation vor. Das spontane, offene, kreative Ambiente des ‹Schrägen Mittwochs› ist für mich eine wunderbare Erfahrung und die familiäre Atmosphäre, welche Maria und ihre Familie im Backstage schaffen, erinnert mich an unsere gemeinsame Heimat Italien. Es ist jedes Mal eine Art Familientreffen und ich freue mich auf spannende Begegnungen in lockerer Atmosphäre.» Eine schräge Anekdote aus seinen Anfängen hat er auf Lager: «Eines Abends rief mich jemand an und meinte: ‹Ich habe Sie im Burgbachkeller beim ‘Schrägen Mittwoch’ gesehen und ich möchte für einen Anlass genau diese Nummer buchen.› Gesagt – getan. Termin vereinbart, Zeit vereinbart, Gage fixiert und Adresse notiert. Am besagten Abend fand ich mich dort ein. Weit und breit kein Lokal oder Eventraum in Sicht. Nur Privathäuser ... Ich rief also die Nummer an, die mich gebucht hatte. Ein Herr im Anzug erschien beim Eingangstor zu einer Villa und meinte: ‹Gut, sind Sie da – wir sind noch nicht ganz so weit ... Nehmen Sie noch ein Glas Wein auf der Terrasse.› Als ich eine Viertelstunde später ins Haus gebeten wurde, war ich recht erstaunt, dass da am Tisch sechs Leute zu einem privaten Dinner sassen und ich nun im Wohnzimmer meine Nummer zum Besten gab ...» Da habe er Grünschnabel als Newcomer gelernt, seine Abklärungen vor einer Buchung detaillierter zu gestalten.
Text: Jana Avanzini, Thomas Lötscher, Helena Danis, Sergio Sardella